ROMA HELFEN ROMA

 

Phurdo Salzburg möchte im Norden Rumäniens, in der Stadt Pitesti (Siedlung Pauleasca), ein soziales Projekt starten, um die Roma bei der Bewältigung ihrer Armut zu unterstützen.

 

Die Idee für dieses Projekt entstand aufgrund der Tatsache, dass seit einigen Jahren osteuropäische WanderarbeiterInnen und Notreisende, die zu einem Großteil der Volksgruppe der Roma angehören, nach Salzburg kommen, um zu betteln. Ein Grund dafür ist die Industrialisierung in Europa, wodurch die traditionellen handwerklichen Tätigkeiten der Roma an Bedeutung verloren. Alltagsgegenstände wurden nur mehr industriell hergestellt, die handwerklich hergestellten Alltagsgegenstände konnten nicht mehr abgesetzt werden. Durch die Systemtransformation in den 1980er Jahren nahm der Antiziganismus in Osteuropa eine neue Dimension an. Mit dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems nahm die Armut zu, das Sozialsystem zerfiel, große Teile der Bevölkerung rutschten in die Armut ab und suchten Sündenböcke. Die Enttäuschung über die Reformpolitik nach 1989 äußert sich deshalb oftmals als Aggressivität, Diskriminierung und soziale Ausgrenzung  gegenüber den Roma.

Mittlerweile haben die osteuropäischen Roma Strategien entwickelt, wie sie ihre eigene Armut bekämpfen. Sie verbringen oftmals mehrere Monate im Jahr in verschiedenen mittel- und westeuropäischen Städten, um zu betteln oder als Tagelöhner, billige Arbeitskräfte, als Prostituierte oder mit Kinderarbeit Geld zu verdienen. Auch in der Stadt Salzburg wird seit einigen Jahren diese neue Form von Armut sichtbar und enthält eine Menge sozialen Sprengstoff, mit dem die Salzburger Bevölkerung nur schwer umgehen kann.

 

Phurdo Salzburg möchte daher in Norden Rumäniens, in der Stadt Pitesti (Siedlung Pauleasca), ein soziales Projekt starten, um die Roma bei der Bewältigung ihrer Armut zu unterstützen. Eine große Gruppe Notreisender, die den Sommer 2014 in Salzburg verbrachte und bettelte, stammte aus Pauleasca. Die Reise nach Salzburg war nach eigenen Angaben wegen einer Überschwemmung notwendig geworden, die Teile ihrer aus Lehm und Holz gebauten Häuser zerstört hatte. Es fehlten die Ressourcen, um die Häuser wieder aufzubauen. Raim Schobesberger betreute diese Roma-Gruppe im Sommer 2014 auf dem Park & Ride-Parkplatz in Salzburg-Süd und übernahm die Verantwortung für deren Versorgung. Gemeinsam mit anderen Mitgliedern des Vereins Phurdo und anderen freiwilligen Helfer_innen wurden Grundbedürfnisse der Roma gedeckt und sozialpädagogische Arbeit geleistet.

Ende November und Anfang Dezember 2014 unternahm Raim Schobesberger eine Reise nach Pauleasca, um das Dorf kennen zu lernen. Er bestätigte, dass der Bach der Hauptverkehrsweg im Dorf ist und die Häuser sehr nah am Bachufer stehen. Solange der Bach kein Hochwasser führt, wird er als Straße und Gehweg benutzt, doch wird mit dem Bachwasser auch Wäsche gewaschen. Dadurch entstand die Vision, ein Sozialprojekt vor Ort durchzuführen, um die Lebensbedingungen und die Lebensqualität der Roma zu verbessern, damit die junge Generation nicht mehr den Lebensunterhalt durch entwürdigende Tätigkeiten erarbeiten muss.

Durch die Armut haben sich die Gesellschaftsstrukturen der Roma-Gemeinschaften am Balkan bzw. in Osteuropa stark verändert. Traditionen sind verloren gegangen und demokratische Strukturen wurden zerstört. Auch die familiären Werte wurden beschädigt. Die Not führte in manchen Familien zu einem gnadenlosen und gewaltvollen Umgang miteinander. Raim Schobesberger hat sich während der Zeit der Betreuung der Notreisenden aus Pauleasca als väterliche Autoritäts- und Vertrauensperson Respekt verschafft, weshalb er von der Dorfgemeinschaft den Titel „Tata Rai“ (Vater Raim) erhielt. Dadurch kommt ihm bei diesem Projekt eine wichtige Rolle zu.

 

Die leerstehenden Gebäude und der Boden werden vom Verein Phurdo auf drei Jahre gepachtet. Dadurch entsteht ein zeitlicher Spielraum von drei Jahren, innerhalb derer er mit den verarmten Roma-Familien des Dorfes Sozialarbeit durchführen kann, um die sozialen Strukturen nachhaltig zu beeinflussen. Dadurch entsteht in der Dorfgemeinschaft Verantwortung und „ownership“ für das Projekt und alle Beteiligten tragen es mit. Ownership ist ein Ziel partizipativer Entwicklungszusammenarbeit und bedeutet, dass eine Dorfgemeinschaft das Projekt und die Projektergebnisse als ihr Eigentum anerkennt und würdigt. Wenn sich der Projektträger aus dem Projekt zurückzieht, brechen die neuen Strukturen nicht zusammen, da sie aus der community heraus entstanden sind und von der community getragen werden. Letztendlich bedeutet das, dass Raim Schobesberger von Phurdo Salzburg die Dorfgemeinschaft von Pauleasca bereits in die Projektplanung einbeziehen sollte, aber im Zuge des Projektes immer mehr Verantwortung für das Projekt an die Dorfgemeinschaft abgibt, bis diese das Projekt selbst verwalten kann. Demokratiebildung ist deshalb eine Voraussetzung für den Projekterfolg.